Fabrikarbeiterin, Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin und antifaschistische Widerstandskämpferin, Abgeordnete zum Nationalrat und langjährige Vorsitzende des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen
Frühe Jahre
Rosa Jochmann wurde am 19. Juli 1901 im 20. Wiener Gemeindebezirk, der Brigittenau, in eine Arbeiterfamilie mit sechs Kindern geboren. Ihre Eltern stammten aus Mähren und gehörten damit dem tschechischsprachigen Milieu der Wiener Arbeiter:innenzuwanderung an. Die Kinder wuchsen zweisprachig auf. Vater Karl war ein engagierter Sozialdemokrat und als Eisengießer tätig; Mutter Josefine arbeitete als Wäscherin und Putzfrau.
Kurz nach Rosas Geburt übersiedelte die Familie nach Simmering, was von nun an ihr Lebensmittelpunkt war. Die Mutter verstarb schon früh, der Tod des Vaters folgte bald darauf. Jochmann musste sich notgedrungen auf Arbeitssuche begeben und fand eine Anstellung als Hilfsarbeiterin bei der Süßwarenfabrik Victor Schmidt & Söhne. Aufgrund des Ersten Weltkrieges wurde sie 1916 in den Simmeringer Draht- und Kabelwerken Ariadne, später in der Kerzen- und Seifenfabrik Apollo kriegsverpflichtet. Desaströse Arbeitsbedingungen gehörten zum Alltag. Oft wurde auch nachts gearbeitet, die Arbeit äußerst schlecht entlohnt und Arbeitsunfälle – einen Arbeiter:innenschutz, wie wir ihn heute kennen, gab es noch nicht – gehörten dazu.
Erstes politisches Engagement
Das scheinbar ausweglose Elend der Arbeiter:innen bewog Jochmann, sich politisch zu engagieren. Zunächst übernahm sie eine Funktion im Fabriksausschuss des Chemiearbeiterverbandes. Bei der Firma Auer, ihrem späteren Arbeitgeber, wurde sie bereits im Alter von 19 Jahren zum „Betriebsobmann“ gewählt. Sechs Jahre später wurde sie zur Sekretärin der Chemiearbeitergewerkschaft bestellt und war dort insbesondere für die Organisation der weiblichen Beschäftigten dieser Branche verantwortlich.
1926 absolvierte sie die Arbeiterhochschule in Döbling. In dieser Zeit trat sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei und fand in ihrem Parteivorsitzenden, Otto Bauer, einen einflussreichen Förderer. Auch innerhalb der Partei gelang ihr rasch der politische Aufstieg: Ab 1932 war sie als Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen tätig und nahm erstmals als deren Delegierte an einem Parteitag teil. Im Jahr 1933 wurde sie schließlich in den Parteivorstand gewählt.
Bürger:innenkrieg und Austrofaschismus
Während des Bürger:innenkrieges im Februar 1934 engagierte sich Jochmann in der Kommandostelle des Republikanischen Schutzbundes im Wiener George-Washington-Hof. Sie stenografierte Radiomeldungen und sorgte für deren Verbreitung, womit sie aktiv zur Koordination der Kampfhandlungen beitrug. Ein Großteil der Parteispitze wurde während der Kämpfe festgenommen oder setzte sich ins Exil ab. Rosa Jochmann entging fürs Erste einer Verhaftung, indem sie sich, nach dem bald folgenden Verbot der SDAP, dem Untergrund anschloss. In ihre Simmeringer Wohnung konnte sie nicht mehr zurückkehren. Als sie dennoch eines Tages dorthin gelangte, traf sie im Stiegenhaus auf zwei Polizisten, die sie auf Nachfrage nach Rosa Jochmann austrickste:
„Die habe ich in den obersten Stock geschickt und gesagt: Da müssen Sie lange und fest klopfen, die schläft nämlich um diese Zeit und außerdem ist sie schwerhörig, und dann bin ich schnell verschwunden.“
– Wiener Zeitung, 12. Februar 1994, S. 7.
Jochmann zählt zu den Gründungsmitgliedern der Revolutionären Sozialisten (RS). Sie bildete zusammen mit Karl Holoubek (1899–1974), Roman Felleis (1904–1944) und Ludwig Kostroun (1907–1972) das erste (illegale) Zentralkomitee, das unter der Leitung von Manfred Ackermann (1898–1991) stand. Ihre politische und antifaschistische Arbeit setzte Jochmann unter dem Decknamen „Josefine Drechsler“ (es war der Name ihrer Schwester) fort.

Im Untergrund beteiligte sie sich an der Verbreitung der in der Tschechoslowakei gedruckten und nach Österreich geschmuggelten illegalen Arbeiterzeitung und hielt Kontakt zum Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten in Brünn (ALÖS). Darüber hinaus organisierte sie Zusammenkünfte wie die illegale Kundgebung der Revolutionären Sozialisten auf der Predigerstuhlwiese bei Kaltenleutgeben am 15. Juli 1934 mit über 3.000 Arbeiterinnen und Arbeitern. In der Illegalität hatte Jochmann die Kreisleitung Niederösterreich übernommen. Im August desselben Jahres wurde sie in Wiener Neustadt bei einer Untergrundaktion verhaftet und anschließend zu einem Jahr Kerker und drei Monaten Polizeistrafe verurteilt. Durch Hungerstreik konnte sie ihre menschenunwürdigen Haftbedingungen in Wiener Neustadt verbessern.[1]
Eine neuerliche Verhaftung erfolgte im März 1938. Nach wenigen Tagen wurde sie wieder freigelassen. Trotz der nationalsozialistischen Machtergreifung und der daraus resultierenden Gefahr für Leib und Leben für politische Oppositionelle kam eine Emigration für sie nicht in Frage.
NS-Zeit und KZ-Haft in Ravensbrück
Am 22. August 1939 wurde Rosa Jochmann im Zuge einer Verhaftungsaktion gegen „polizeibekannte“ Revolutionäre Sozialisten von der Gestapo festgenommen und in die Rossauer Kaserne gebracht. Im März 1940 erfolgte die Deportation in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo sie bis zu ihrer Befreiung durch die Rote Armee im Jahr 1945 inhaftiert blieb. Zu ihren Mitgefangenen im KZ zählte unter anderem die jüdische Wissenschaftlerin, Genossin und enge Vertraute Käthe Leichter. Anders als Jochmann überlebte sie die NS-Zeit nicht. In Ravensbrück wurde Jochmann als Blockälteste (Funktionshäftling) des politischen Blocks eingesetzt. Diese Position nutzte sie mehrmals aus, um Mitgefangenen zu helfen und Sabotageakte gegen die SS zu verrichten, ehe sie nach einer Dunkelhaft als solche abgesetzt wurde. Da die KZ-Überlebenden in Ravensbrück nicht durch eine offizielle Initiative nach Österreich zurückgeholt wurden, organisierte Rosa Jochmann gemeinsam mit Friedl Sinclair den Heimtransport der verbliebenen Häftlinge.
In ihrer KZ-Haft lernte Jochmann die Kommunistin Cäcilie Helten kennen. Die beiden verband bis zu Heltens Tod 1974 eine enge Lebensgemeinschaft, deren tiefe Bedeutung für Jochmann in ihrer Bezeichnung als „Lebensmensch“ und in den zahlreichen Briefen aus der Zeit der Trauer eindrucksvoll sichtbar wird.
1947 wurde die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück gegründet, deren Vorsitz Rosa Jochmann 1984 übernahm und bis 1994 innehatte. Darüber hinaus war sie Gründungsmitglied des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschisten, dessen erste Vorsitzende sie wurde. Auch war sie Vorstandsmitglied und Vizepräsidentin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW).
Zweite Republik
Von 1945 bis 1967 gehörte Rosa Jochmann dem Nationalrat als Abgeordnete an. Parallel dazu war sie von 1945 bis 1959 Sekretärin des Bundesfrauenkomitees der SPÖ. Anschließend übernahm sie dessen Vorsitz und übte diese Funktion bis 1967 aus.

1981 wurde Rosa Jochmann anlässlich ihres 80. Geburtstags zur Ehrenbürgerin der Stadt Wien ernannt. Sie starb am 28. Jänner 1994 im Alter von 92 Jahren. Die Autorin Christine Nöstlinger schrieb daraufhin: „Sie hat mehr Schüler von braunen ,Ideenʽ abgehalten als sonst wer.” Als Zeitzeugin prägte Jochmann nahezu ein gesamtes Jahrhundert österreichischer Geschichte mit.
Der Großteil ihres Nachlasses wird heute vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) verwahrt. Ihr Andenken lebt bis heute fort: In Wien tragen unter anderem der Rosa-Jochmann-Ring, der Rosa-Jochmann-Hof und die Rosa-Jochmann-Schule in Simmering sowie der Rosa-Jochmann-Park in der Leopoldstadt ihren Namen. Auf dem Wiener Zentralfriedhof wurde ihr ein Ehrengrab (Gruppe 14 C, Nr. 1A) gewidmet.
Funktionen zusammengefasst
1919–1925, „Betriebsobmann“ bei der Firma Auer
1925–1932, Sekretärin der Gewerkschaft des chemischen Verbandes
1932, Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen Österreichs
1934, Gründungsmitglied der Revolutionären Sozialisten
1933–1934, 1945–1967, Mitglied des Bundesparteivorstandes
1945–1967, Abgeordnete zum Nationalrat
1949–1990, ab 1992 Ehrenvorsitzende, Vorsitzende des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen (BSF)
1945–1959, SPÖ-Bundesfrauensekretärin
1951–1966, Zweiter „Bezirksobmann“ der SPÖ Simmering
1959–1967, SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende
1959–1967, Stellvertretende Bundesparteivorsitzende
1984–1994, Obfrau der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR)
1963–1994, Vizepräsidentin und Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW)
Autorin:
Anna Cseri, Karl-Renner-Institut
Quellenverzeichnis:
Austria Forum, Rosa Jochmann, URL: https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Rosa_Jochmann
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Rosa Jochmann, URL: https://www.doew.at/erinnern/biographien/erzaehlte-geschichte/erste-republik/rosa-jochmann-ich-bin-eine-stolze-proletarierin
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), Gestapo-Opfer (Arbeiterbewegung), Kartei, Jochmann, Rosa, URL: https://www.doew.at/result?id=642587&cat=1
Österreichisches Parlament, Rosa Jochmann, URL: https://www.parlament.gv.at/person/735
Verein für die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA), Rosa Jochmann, URL: https://rosajochmann.at/
Mayerhofer, Rainer: Eine Biografie in Briefen. Doch die Menschen liebe ich über alles. Rosa Jochmann, ÖGB Verlag, Wien 2020.
Dachs, Herbert; Gerlich, Peter; Müller, Wolfgang C. (Hg.), Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik, Manz, Wien 1995.
Duma, Veronika, Rosa Jochmann. Politische Akteurin und Zeitzeugin, ÖGB Verlag, Wien 2019.
Reiter, Franz Richard (Hg.), Wer war Rosa Jochmann? Dokumente. Berichte. Analyse, Ephelant, Wien 1997.
Steffek, Andrea, Rosa Jochmann – „Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht.” (Schriftenreihe des Instituts zur Erforschung der Geschichte der Gewerkschaften und Arbeiterkammern, Nr. 7), ÖGB, AK Wien, Wien 1999.
[1] Arbeiterzeitung, 29. September 1934, S. 5.