Von der Monarchie zur 1. Republik

Der Hainfelder Parteitag, der vom 30. Dezember 1888 bis zum 1. Jänner 1889 in Niederösterreich stattfand, gilt als die eigentliche Geburtsstunde der sozialdemokratischen Partei Österreichs. Vierzehn Jahre nach dem Gründungsparteitag in Neudörfl werden die "gemäßigte" und die "radikale" Strömungen vereint, 110 Delegierte aus allen Kronländern (70 davon stimmberechtigt) nehmen die von Victor Adler verfasste “Prinzipienerklärung” an.

Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg waren politisch vor allem vom Kampf um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht bestimmt. Die Schüsse von Sarajewo am 28. Juni 1914 dämpfen die sozialistische Vision vom friedlichen Zusammenleben der Völker vorläufig. Es folgt ein grausamer Krieg, der 17 Millionen Menschenleben fordert. Gegen die Kriegsbegeisterung der ersten Jahre setzt sich der Friedenswille – auch in der Sozialdemokratie – erst langsam durch.

Victor Adler (Foto: Wikimedia Commons)

Victor Adler gilt bis heute als wichtigste Integrationsfigur der Einigung reformistischer und revolutionärer Kräfte in der k. u. k. Monarchie. Besonderes Aufsehen erregte Adler, als er unter dem Titel „Die Lage der Ziegelarbeiter“ in seinen Enthüllungsreportagen die Missstände anprangerte, die rund um die Wienerberger Ziegelfabrik herrschten. Die Arbeits- und Wohnverhältnisse spotteten jeder Beschreibung: Eng zusammengepfercht mussten Frauen, Männer und Kinder in hygienisch unerträglichen Verhältnissen leben. Eine Privat- und Intimsphäre existierte nicht. Durch die Artikel Victor Adlers wurden diese verheerenden Zustände erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. 1911 kam es ob der zugespitzen sozialen Lage der Jugend in Wien auch zur sogenannten Ottakringer Jugendrevolte.

Im Frühling des Jahres 1874, am 5. / 6. April, kam es im burgenländischen Neudörfl (Bezirk Mattersburg) zum ursprünglichen Gründungstag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Österreichs). Interne Streitigkeiten zwischen dem politisch gemäßigten Flügel um Heinrich Oberwinder und den Radikalen um Andreas Scheu lähmten die Entwicklung der Partei allerdings, erst 1888 konnte Victor Adler die Richtungsstreitigkeiten beenden.

Mit dem Hainfelder Programm gab sich die Partei auf der Basis von Arbeiterbildungsvereinen und gewerkschaftlichen Fachvereinen einen gemäßigten Kurs, bei dem Karl Marxens Kommunistisches Manifest nicht als Richtlinie, sondern als Zukunftsvision präsent war. Die eigentliche Leitung der Partei lag in der Folge bei der soeben gegründeten Arbeiter-Zeitung. Erst im Jahr 1892 legte der Parteitag eine neunköpfige Parteivertretung fest, der eine Kontrollkommission zugestellt wurde.


Der Austromarxismus

Um die Jahrhundertwende entstand unter diesen Voraussetzungen die Programmatik des Austromarxismus, der bis heute eine besondere Spielart der marxistischen Theorie umschreibt, die zwar an der grundlegenden Kapitalismuskritik von Karl Marx im Wesentlichen festhält, aber die Zielvorstellung einer sozialistischen Gesellschaft auf parlamentarischem Weg und im Sinne eines integralen Sozialismus ("Dritter Weg") erreichen will. Dieser Aspekt bestimmt bis heute die praktische Ausrichtung der Sozialdemokratie zwischen Reformismus und Revolution. Dabei ist auch zu betonen, dass sich die Freiheit des individuellen Denkens als Erbe der Aufklärung– etwa mit den Ansätzen Otto Bauers – sehr früh einem übertriebenen Kollektivismus entgegenstellte.


Kampf um das Wahlrecht

Wahlrecht-Demo 1905 (Foto: ASKÖ)In der Monarchie herrschte noch immer ein Kurienwahlrecht. So konnten etwa bei den Wiener Gemeinderatswahlen 1900 erstmals Sozialdemokraten antreten; sie erhielten über 56.000 Stimmen, aber nur zwei Mandate (Christlich-Soziale: 77.000 Stimmen/18 Mandate). 1905 kommt es zu einem 24-stündigen Generalstreik; 250.000 Arbeiter demonstrieren vor dem Parlament fünf Stunden für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. 1907 gibt es dann die ersten allgemeinen Wahlen – allerdings nur für Männer. Von 516 Sitzen erhalten die Sozialdemokraten als zweitstärkste Fraktion 87. Beim ersten "Frauentag" in Wien am 19. März 1911 fordern die Frauen mit Nachdruck die politische Gleichberechtigung.

Erster Weltkrieg

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges erstickte die (sozial)demokratischen Ansätze, Karl Kraus nennt die kommenden Jahre die „letzten Tage der Menschheit“. Der allgemeinen Kriegsbegeisterung zu Beginn konnte die Sozialistische Internationale wenig entgegenghalten, auch die sozialdemokratischen Bewegungen in den verfeindeten europäischen Staaten erlagen der nationalistischen Stimmung. Auf die dem Kriegsausbruch politisch folgende „Kriegsdiktatur“ im Inneren, die nicht nur die verfassungsmäßigen Grundrechte aufhob (z.B. Presse- und Versammlungsfreiheit), sondern auch die Repressions- und Sanktionsmittel erheblich verschärfte, erwies sich die Sozialdemokratie nicht gut vorbereitet. Im Verlauf des Krieges wurde vor allem die Nahrungsmittelknappheit zu einer Überlebensfrage der Donaumonarchie.

Video: Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und Gründung der Republik (ORF - Menschen und Mächte)



Streiks und die Niederlage der Habsburger-Monarchie

Mit dem Wiener Metallarbeiterstreik vom Mai 1917, dem Jännerstreik 1918 und dem Streik vom Juni 1918 überzog eine wahre Streikwelle das Land. Die Sozialdemokratie trat als Verhandlungsführer gegenüber der Regierung auf, geriet aber auch unter den Druck der Linksradikalen. Diese wollten sich bei ihren Forderungen nach sofortigem Kriegsende, der Aufhebung der Militarisierung der Betriebe, der Demokratisierung des Gemeindewahlrechts und Ähnlichem nicht mit "Good-Willl"-Erklärungen der Regierung zufrieden geben. Der Sozialdemokratie gelang es aber erfolgreich, das neu gebildete System der Arbeiterräte zu integrieren und eine Spaltung der Arbeiterbewegung, wie sie in Deutschland bereits stattgefunden hatte, zu verhindern.

Der Zerfall und Zusammenbruch der Donaumonarchie resultierte aus der militärischen Niederlage des Habsburgerreichs und seiner Verbündeten sowie aus den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen. Ende Oktober 1918 war die Monarchie in Österreich endgültig Geschichte.




Aus der gleichen Epoche:

Allgemeines Wahlrecht auch für ArbeiterInnen und Frauen

Der Kampf um das allgemeine Wahlrecht in Österreich

Achtstundentag

"Acht Stunden aber wollen wir Mensch sein" - Otto Bauer

125 Jahre Hainfeld - Der Hainfelder Parteitag und sein Programm

„… wenn wir Programme machen, sind wir schließlich alle Theoretiker.“ (Victor Adler) Visionen und ihre ...

Adolf Schärf

Parteivorsitzender und Vizekanzler (1945-1957), Bundespräsident (1957-1965)

"Was wir ersehnen von der Zukunft Fernen" – der Hainfelder Parteitag

Der Parteitag, der vom 30. Dezember 1888 bis zum 1. Januar 1889 im niederösterreichischen Hainfeld stattfand, ist von historischer ...

Das Programm von Hainfeld (1888/1889)

Internationalismus, Presse- und Meinungsfreiheit, Parlamentarismus, Arbeiterschutzgesetzgebung, Bildung und Laizismus. Am Hainfelder ...

Mein erster Mai - Von Victor Adler (1909)

Die erste Maifeier 1890 habe ich nicht im Prater miterlebt, sondern im Wiener Landesgericht, Zelle 32, im ersten Stock. Es war ein ...

Internationaler Frauentag 8. März

Der Internationale Frauentag steht für den langen Kampf der Frauen für eine gleiche Teilhabe an einer gerechten Gesellschaft. ...

Geschichte der Sozialistischen Jugend (SJÖ)

Vom Verein jugendlicher Arbeiter zur Sozialistischen Jugend Österreich

Foto-Galerien www.rotbewegt.at

In dieser Übersicht finden Sie Sammlungen historischer Plakate der Sozialdemokratie und ihr nahestehender Organisationen. Das ...

Geschichte des BSA

BSA-Präsident Andreas Mailath-Pokorny beschreibt die Rolle des BSA in der Sozialdemokratie folgendermaßen: „Die ...

Austromarxismus

Der Austromarxismus ist eine von österreichischen Sozialdemokraten geprägte Richtung innerhalb des marxistischen Denkens, zu ...

1919: Erste echt demokratische Wahlen

Seit 90 Jahren dürfen auch die Frauen in Österreich an die Wahlurnen. Eine historische Betrachtung von Manfred Scheuch. In ...

Otto Bauer - Der große Theoretiker der Sozialdemokratie

Zur Person: Otto Bauer, geboren am 5.9.1881, wurde im Februar 1934 aus Österreich vertrieben, verstarb am 4. 7. 1938 in Paris, der ...

Victor Adler - Kurzbiografie

Victor Adler gilt als der "Gründungsvater" der österreichischen Sozialdemokratie. Am Hainfelder Parteitag schafft er es die ...

Adelheid Popp

Wegbereiterinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung, Abgeordnete zum Nationalrat (1919 - 1934), Vorsitzende des Internationalen ...

Max Adler

Kurzbiografie: Soziologe und sozialistischer Theoretiker

Die drei Pfeile

Symbol für den Kampf der Arbeiterbewegung gegen Faschismus, Klerikalismus und Kapitalismus (auch: gegen Faschismus, Kapitalismus ...

Jugendrevolte in Ottakring gegen Hunger, Teuerung und Verelendung

Beim Aufbegehren der Massen im September 1911 ging es vor allem um den Protest gegen soziales Elend – aber auch um mehr.

Emma Adler

„Nichts ist schwerer, als die Frau eines berühmten Mannes zu sein“